Dritte Woche

Nach verlassen der Loosdrecht Plassen fahren wir die Vecht noch ein Stück aufwärts. Im schönen Maarsen kaufen wir ein und fahren zurück um kurz vor Loenen zu übernachten. Am nächsten Tag wollen wir meine Mutter, die uns zehn Tage begleiten will, in Amsterdam abholen.Loosdrecht

Der Tag beginnt schon gut, graues trübes Schmuddelwetter. Dann die Idee von uns Irrsinnigen, auf dem Amsterdam-Rijn Kanal nach Amsterdam zu fahren. Schon ein Blick auf die Karte hätte uns warnen müssen. Mitten in einer Rinne mit senkrechten Uferwänden und Wellen aus allen, aber wirklich aus allen Richtungen, werden wir von hinten und vorne von Frachtern überrollt. Unser Boot, der Begriff Nußschale wäre angebrachter, ist kaum noch auf Kurs zu halten. Mitten in dieser an sich schon unangenehmen Situation läßt sich das Ruder auf einmal kaum noch bewegen. Vor uns kreuzen zwei Charterschiffe den Kanal. Mein einziger Gedanke, nichts wie raus aus dieser Hölle. Ich peile die Ausfahrt an Backbord an, umrunde unter Mühen einen entgegenkommenden Frachter, der nicht enden will, fahre in den Seitenkanal ein und nehme die Drehzahl zurück. Der Motor stirbt sofort ab, läßt sich erneut starten, stirbt aber beim Einkuppeln jedesmal erneut ab. Antriebslos legen wir an einem privaten Grundstück an. Wir finden nichts um das Boot fest zu machen. Die Grundstückbesitzerin will unsere Situation nicht begreifen. Mit Schwung, ohne Antrieb gelingt es uns das Schiff auf der anderen Seite des Kanals festzumachen. Nach einer Zeit der Ratlosigkeit und des vergeblichen Versuchs die Welle von Hand zu drehen, ziehe ich meine Badehose an. Es hilft nichts, ich muß unters Boot. Später in Frankreich wird dies aus anderen Gründen noch zur Routine. Das Wasser erscheint mir eiskalt, Brillenträger zu sein ist kein Nachteil, unter Wasser, in dieser Brühe, hätte ich so oder so nichts gesehen. Noch nicht mit dem Kopf unter Wasser, habe ich schon eine dicke, schwarze, unzerreißbare Industriefolie in der Hand. Ein Ende kann ich zwischen Bootsrumpf und Ruder heraus zerren, Viola hält es fest, während ich weiter ziehe. Wir warten auf die Leiche, die jetzt zum Vorschein kommen muß. Ganz so gruselig wird es nicht, schlimm genug. Die Folie hat sich in die Schraube eingedreht, wir benötigen etliche Zeit und einige wirkliche Tauchgänge bis die kompletten sechs Meter aus der Schraube entfernt sind. Mein seemännisches Selbstbewußtsein ist auf dem Tiefpunkt. Erst langsam wir mir klar, wie diese Situation ohne Fluchtmöglichkeit im Amsterdam-Rijn Kanal hätte ablaufen können.

Die Weiterfahrt in den Amsterdamer Sixthaven verläuft ohne Zwischenfall aber auch ohne Höhepunkte, zu sehr sind wir beschäftigt bei Regen und schlechter Sicht, den richtigen Weg durch Amsterdam zu finden.

Mit meiner Mutter kommt schönes Wetter. Wir wollen weiter in den Biesbosch. In Boskoop erleben wir den Transport eines Hausbootes hautnah. Abends kommt es von zwei Schleppern dirigiert an. Mit Hilfe des Bauherrn, des Architekten, aller anwesenden Skipper und unzähligen weiteren Helfer wird es durch eine enge Brücke zu seinem vorläufigen Liegeplatz bugsiert.

HausbootWas es bedeutet wenn man der Sprache des Gastlandes nicht mächtig ist, sollten wir auch erfahren. Erklärt uns doch ein holländischer Skipper, hier gibt es Ebbe und Flut, wir sollen unser Boot mehr als üblich festmachen. Ich folge seinem Rat und kann schon Minuten später feststellen wie recht er hat. Draußen auf dem Hauptkanal sehe ich einen Frachter vorbeiziehen. Im selben Moment läuft eine eineinhalb Meter hohe Welle in den Seitenkanal, indem wir alle liegen. Sie reißt ein Schiff nach dem anderen, zuerst den Bug und dann das Heck in die Höhe. Es erinnert an eine besonders gemeine Art von Achterbahn. Wir sichern unser Boot mit noch mehr Seilen. Bei dieser Gelegenheit verläßt auch das Hausboot seinen Liegeplatz, wird von allen Helfern zurück gebracht und mit Stahltrossen gesichert.

GoudaWeiter geht's, mit einem Aufenthalt im schönen Gouda, in den Biesbosch. Die Schleuse in dieses Naturschutzgebiet ist wegen ihrer Größe und ihres Fassungsvermögens erwähnenswert. Die Schiffe liegen kreuz und quer im Schleusenbecken, doch irgendwie entwirrt sich das ganze Chaos nach Öffnung der Schleusentore wieder.Gouda Zum erstenmal ankern wir. Ich muß zugeben, es ist kein richtiges Ankern. Achtern den Anker ausgebracht, um die Schraube von Untiefen fern zu halten, den Bug an einem Baum mit langen Leine gesichert, liegen wir weit genug im Wasser, um auch noch bei den sich hier ändernden Wasserständen noch frei zu kommen. Mit Muse können wir uns Dingen widmen, die während der täglichen Fahrten zu kurz kommen. Das Gebiet des Biesbosch ist so groß, daß selbst die Massen ankommender Sonntags- Ausflügler nicht stören.Biesbosch In Verbänden bis zu fünf und sechs Booten tuckern die schwimmenden Discotheken vorbei. Die jungen Leute sind, wie junge Leute in jedem anderen Land, nur ihre Fortbewegungsmittel sind eben Boote. Gegen Abend sind wir wieder fast allein und genießen unseren letzten Sonnenuntergang im Biesbosch.


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